2. November 2017 Berenice 10Comment

Manchmal behaupte ich Dinge von mir und merke im Nachhinein, dass es gelogen war. Zum Beispiel, dass ich geduldig bin. Oder total gelassen. Oder dass ich keinerlei Vorurteile habe und anderen Menschen gegenüber offen bin. Vor einigen Tagen hatte ich eine Begegnung, die mich schwer zum Nachdenken gebracht hat…

Kaffee Frühstück

Kleider machen Leute…

Das Auto war kurz in der Werkstatt und ich habe die Zeit genutzt, um mit der Kleinen zum Supermarkt zu laufen. Für die Einkäufe hatte ich den Buggy dabei und wir machten uns auf den Weg. Es war sehr windig und die Autos fuhren schnell an uns vorbei – entspanntes Spazieren ist anders. Jedenfalls konzentriere ich mich auf den Verkehr, schaue nach hinten und sehe, dass der Penner immer noch hinter uns läuft. Ja, ich denke sofort Penner. Und ich gebe zu: mir ist etwas mulmig und ich habe ein komisches Gefühl. Mein Gedankenkarussell dreht sich: sicherlich will er nach Geld fragen, betteln…
Oder mir das Geld klauen !? Mich bestehlen !? Auf offener Straße !? Ich überlege mir, dass bestimmt ein Auto hält, um mir zu helfen. Andererseits: besitzen Menschen überhaupt noch Zivilcourage !? Ich laufe etwas schneller, aber nicht zu schnell. Ich drehe mich erneut um und sehe, dass sich der Abstand zwischen uns verkleinert hat. Der Penner wedelt mit seinem Arm. Jetzt schnell wegschauen. Nicht dass er sich noch provoziert fühlt…

Der Supermarkt ist ganz nah, aber ich muss stehen bleiben, weil ein LKW abbiegen will. Scheiße. Ich höre den Penner, seine Schritte und seine Stimme. “Hallo, warten Sie.” Jetzt steht er direkt hinter mir. Ich drehe mich wieder zu ihm um – und sehe unser Hüa-Hüa, das liebste Kuschelpferd meiner Tochter. “Ich glaube das gehört Ihnen. Es ist vorhin aus dem Buggy gefallen.” Mein Blick geht in Richtung meiner Tochter, die freudig strahlend ihr Hüa-Hüa in die Arme schließt.

Regen Vorurteile haben

Was bin ich für ein Mensch !?

Völlig perplex bringe ich ein Danke hervor. Der Mann lächelt, dreht sich um und will gehen. “Sind Sie uns jetzt den ganzen Weg nachgelaufen wegen dem Pferd !?” Ich klinge völlig bescheuert, denn ich kann meine Vermutung selbst kaum glauben. “Ja. Ist ja wichtig, so ein bester Freund. Schönen Tag noch.” Mit einem Lächeln geht er in die andere Richtung. Und ich frage mich, wie dämlich ich eigentlich bin und schäme mich für meine Gedanken und meine dummen Vorurteile.

Ja, der Mann scheint wirklich nicht viel Geld zu haben. Vielleicht ist er tatsächlich obdachlos. Seine Kleidung war teilweise zerrissen und sein Äußeres ungepflegt. Aber das Herz hat dieser Mann am richtigen Fleck und das macht ihn zu einem wunderschönen Menschen. Vielleicht sollten wir alle darüber nachdenken, welche Geschichten Menschen zu erzählen haben, bevor wir über sie urteilen…

Alles Liebe,

Berenice

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10 thoughts on “Von Vorurteilen…

  1. Danke fürs Erzählen. Ich glaube solch eine ähnliche Situation haben wir alle schon mal erlebt – wo man erst spät das Herz aus Gold entdeckt und sich bei Vorurteilen ertappt. Danke fürs wach rütteln! 🙂

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