30. Oktober 2017 Sylvi 15Comment

„Ich zieh aus! Ihr seid doofe Eltern!“ schallt es mir gestern Abend entgegen. „Wo ist mein Koffer? Ich will meinen Koffer!“

Oh ha, so einen Wutanfall hatten wir schon lange nicht mehr. Hauen, Spucken, Treten und nichts hilft, um MiniMotte zu beruhigen. Der Koffer ist schnell gepackt, statt der Winterschuhe zieht sie die Ballerinas an, wirft sich eine Jacke über und schwups ist sie auch schon aus der Tür!

Ich stehe sprachlos in der Tür und frage mich, wie ich jetzt reagieren soll. Natürlich gehe ich hinterher und irgendwann gelingt es mir auch sie zumindest soweit zu beruhigen, dass sie wieder mit mir nach oben in die Wohnung kommt. Murphys Gesetz will es natürlich auch, das die Nachbarn Zeuge werden, wie MiniMotte versucht ihren Koffer nach unten zu buxieren….

Eigentlich war das gestern ein schöner Tag. Im WiB habe ich euch ein paar Bilder gezeigt von unserem kreativen Wochenende. Doch vielleicht war dieser Wutausbruch auch vorprogrammiert. Es ist natürlich schwierig für die kleine Schwester, wenn die große Schwester immer die schöneren Bastelergebnisse hat. Wir als Eltern vergleichen diese natürlich nicht, aber MiniMotte vergleicht sich sehr wohl mit ihrer großen Schwester.

Ich finde es immer unglaublich schwierig beiden Mädchen mit ihrem großen Altersunterschied gerecht zu werden. Dieses Wochenende wollte Lou an die Nähmaschine, denn sie wollte die ersten Weihnachtsgeschenke für die Großeltern vorbereiten. Natürlich wollte MiniMotte das auch und das durfte sie ja auch, aber warten, das wollte sie nicht. Kürbis aushöhlen wollte sie auch nicht, sie wollte einfach genau das machen, was auch ihre große Schwester macht.

Ich konnte sie ablenken und wir malten den Wunschzettel für den Weihnachtsmann, doch am Abend ging dieser geschwisterliche Konkurrenzkampf wieder los.

Harmonie ist hier selten. Während Lou quasi auf die Pubertät zusteuert, ist MiniMotte gerade mitten in der Zahnlücken-Pubertät.

„Wenn die Zähne wackeln, wackelt die Seele.“, sagt man ja so schön.

Vieles, wovon ich glaubte, wir hätten es schon längst überwunden, beginnt nun von neuen. Sie ist oft sehr wütend, schreit rum, rennt weg, haut und tritt. Ruhig bleiben fällt da extrem schwer. Sie aus dieser Wut herauszubekommen, gelingt mal mehr und mal weniger und oft fühle ich mich einfach überfordert.

Ich frage mich, warum sie immer noch haut und tritt und immer noch keine anderen Kanäle wählt, um ihrer Wut Ausdruck zu verleihen.

Per se ist es in Ordnung wütend zu sein. Aber diese Körperlichkeit ihrer Wutausbrüche macht mir zu schaffen.

Ich frage mich, was wir falsch gemacht haben. Ich frage mich, was wir besser machen könnten oder wie wir ihr helfen könnten.

Gestern flossen Tränen. Ich war verzweifelt und fragte mich, ob andere Eltern solche Situationen auch kennen.

So schnell, wie diese Wutwelle kam, so schnell war dieser heftige Sturm auch wieder vorüber, doch mich hat diese Situation total mitgenommen. Abends saß ich lange auf dem Sofa und stöberte im Netz.

Ich fand einige Artikel zur Zahnlückenpubertät und das gerade Mädchen zu großen Stimmungsschwankungen neigen. Ich kann mich ehrlich gesagt nicht mehr entsinnen, wie das bei Lou war. So heftig war es aber in keinem Fall. Und wieder wird mir klar, wie unterschiedlich doch diese beiden Mädchen sind. MiniMotte braucht eine ganz andere Unterstützung als Lou.

Oft habe ich einen guten Draht zu unserer Kleinsten. Einen besseren als mein Mann, denn auch ich war als Kind so ein kleines Wutmonster. Ich entsinne mich noch daran, dass ich mit Stühlen nach meinen Mitschülern schmiss – quasi blind vor Wut.

Ich kann sie also gut verstehen und versuche für sie da zu sein, doch wenn du während solch eines Wutanfalls ständig gehauen und bespuckt wirst, fällt es unglaublich schwer ruhig zu bleiben und nicht falsch zu reagieren.

Die Texte im Netz haben mir gestern geholfen, denn sie haben mir gezeigt, dass wir vermutlich nicht alleine sind und hoffentlich alles gut wird.

MiniMotte ist vom Sternzeichen Stier und ich habe im täglichen Umgang oft den Eindruck, dass sie mit dem Kopf durch die Wand will. Durch Kompromisse schaffen wir es meist einen Wutausbruch zu vermeiden, doch immer gelingt das natürlich nicht.

Oft vergleiche ich mich mit anderen Elternpaaren und das ist wahrscheinlich falsch. Ich sehe die rollenden Augen der Nachbarn, wenn MiniMotte mal wieder ausrastet und müsste wohl einfach darüber hinwegblicken, aber das gelingt einfach nicht.

Heute geht es mir dennoch wieder besser. Die Texte gestern haben mir geholfen und ich habe neuen Mut gefasst. Selbstzweifel kennt vermutlich jede Mutter und sicher auch das Gefühl alles falsch gemacht zu haben.

Eltern sein, Mutter sein, bringt einen an seine Grenzen und darüber
hinaus. Ich werde versuchen noch mehr auf sie einzugehen und hoffe, dass wir gemeinsam irgendwann einen Weg finden, um ihre Wut anders zu kanalisieren.

Ich verlinke diesen Beitrag bei der #Mompositivity-Blogparade von Lotte & Lieke, denn viele Mütter kennen solche oder ähnliche Situationen sicher. Doch nach den gestrigen Selbstzweifeln heißt es heute:

Aufstehen! Kröhnchen richten! Weitermachen!

Eure Sylvi
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15 thoughts on “Ihr seid doof – ich zieh aus!

  1. Guten morgen…ich hatte solche Wut Anfälle noch nicht kann es aber nachvollziehen wie du dich fühlst…..Kopf hoch …das leben geht weiter …vielleicht in Zukunft ohne jemanden zu verletzen einfach die Mädels im kreativen Bereichen trennen…damit die Kongruenz untereinander aufhört… auch wenn los das nicht so meint will oder weiß …du so könntest du evtl. Stress vermeiden.

  2. Hi Sylvi,

    ja, ganz bestimmt kennen alle Eltern solche Situationen. Und ja, vergleichen ist selten eine gute Idee.

    Ich denke übrigens nicht, dass Eltern, die bewusst erziehen, etwas falsch machen können. Man reagiert immer genau so, wie man es in dem Moment eben kann. Und wenn man danach darüber reflektiert und eventuelle Spannungen zwischen sich und dem Kind bereinigt, ist das doch vollkommen in Ordnung.

    Ich weiß nicht mehr, wo ich die folgende Geschichte aufgeschnappt habe, aber sie kam gerade in einer Situation, in der auch ich überfordert war.

    Sie begann wie deine: Das kleine Mädchen war stinksauer und schrie: „Ich hasse euch! Ich ziehe aus“, schnappte sich seinen Koffer und begann zu packen.

    Die Mutter blieb ganz ruhig, sie half dem Kind, die Klamotten einzupacken, stopfte das liebste Kuscheltier des Kindes zwischen die Kleidung, gab dem Mädchen Tipps, wie es sich draußen in der weiten Welt verhalten sollte, um möglichst weit zu kommen, packte ein bisschen Geld ein und schmierte ein paar Brote als Reiseproviant. Sie half dem kleinen Mädchen, den Koffer auf die Straße zu tragen, sagte ihm: „Ich hab dich lieb. Gute Reise, mein Kleines!“ – und ließ es gehen.

    Das Mädchen bog um die Ecke, die Mutter wartete an der Haustür. Zwei Minuten später kam das kleine Mädchen mit seinem Koffer zurück nach Hause, die Mutter umarmte es. „Willkommen zurück!“, sagte sie …

    Etwa zeitgleich mit dieser Geschichte habe ich begonnen zu begreifen, dass ich – egal, wer auf mich sauer ist -, oft nur das Ventil bin. Neulich war meine Tochter auch ungewohnt und über längere Zeit andauernd unausstehlich und es dauerte einen Moment, bis ich es schaffte, den entscheidenden Schritt zurück zu machen und sie zu fragen, was eigentlich das Problem war.

    Unter Tränen kam sie zu mir und ich erfuhr, dass sie etwas gesehen hatte, was sie geängstigt, wütend gemacht und beschäftigt hatte. Ihre Wut war ihr Weg, damit umzugehen.

    Und weißt du was? Alle Eltern, die diese Wut der Kinder ungefiltert abbekommen, können stolz sein darauf, denn es zeugt davon, dass ihre Kinder ein grenzenloses Vertrauen in sie haben. Sie wissen, dass sie nicht dafür bestraft oder verurteilt werden, wenn sie einfach sie selbst sind.

    Auch die Mamas sind sie selbst, wenn sie auf die Provokationen anspringen. Sie sind menschlich. Und das ist in Ordnung. Kein Grund, sich dafür zu verurteilen. Aber ein Grund, nach vorne zu schauen und zu sagen: Ich habe wieder etwas gelernt. Es war eine harte, schmerzhafte Lektion, doch insgesamt hat sie uns weitergebracht. Weiterbringen tut dich eine Situation dann, wenn du es schaffst, irgendwann und irgendwie wieder in die Liebe zurückzukehren. Und das lese ich aus deinem Artikel ganz deutlich heraus. Alles ist gut!

    Ich glaube übrigens nicht, dass es Sinn der Erziehung ist, Wutanfälle zu vermeiden. Wenn ich wütend bin und das immer wieder unterdrücke, führt das nur dazu, dass ich irgendwann noch viel mehr ausflippe. Also lieber ab und zu rauslassen. Bei den Kindern mit dem Wissen, dass es nicht um mich geht. Und bei mir mit dem Hinweis an die Kinder, dass ich nicht auf sie wütend bin, sondern dass ich selbst ein Problem habe, das mich wütend macht. Das funktioniert bei uns erstaunlich gut. Meistens jedenfalls. 😉

    1. Liebe Sandra, danke für deinen lieben Kommentar! Wut ist völlig in Ordnung, wie du schon sagst… Mir geht es nur um diese Körperlichkeit. Ich wünschte mir sie könnte ihre Wut anders ausdrücken. Liebe Grüße Sylvi

      1. Manchmal, wenn meine Tochter am Ausrasten ist, merke ich, wie sie sich körperlich zurück hält. Dann halte ich ihr die Handflächen hin, und frage sie, wie doll sie drauf hauen kann (so High-Five-mäßig). Meistens haut sie dann drauf los, und muss nach ein paar Mal schon lachen. Manchmal muss es einfach raus. Für unser neues Haus plane ich einen Boxsack. Dann kann sie gleich noch Selbstverteidigung üben.

  3. Guten Morgen, oh ich kann da gut mitfühlen. Ich habe gestern erst genauso dagesessen. Ich habe bei meinen beiden auch festgestellt, dass sie ganz und gar unterschiedlich sind. Und ich komme auch mit meinem jüngsten besser klar als mit dem Großen. Warum habe ich mich immer gefragt und glaube die Antwort zu wissen. Jannes, der kleine ist wie mein Mann. Ruhig, ausgeglichen. Tobias ist wie ich, rebellisch und impulsiv. Wenn wir beide unseren Kopf durchsetzen wollen gibt es Krieg. Ich weiß dann oft nicht weiter und frage mich genau wie du was ich falsch gemacht hätte. Und wenn alles gut ist weiß ich dass die Frage Quatsch ist. Wir tun unser bestes, wir sind wie wir sind und Reibung ist normal und nützlich. Denn sie gibt uns die Chance zur Veränderung. Solange wir miteinander und darüber reden. Mein Großer zum Beispiel hält nichts von Regeln. Er sagt selber, dass er alles herausfinden und erforschen will und deswegen Regeln bricht. Du kannst dir sicher vorstellen, wie furchtbar anstrengend das ist. gestern Abend erst hatten wir auch eine Familiensitzung, in der ich auch offen vor unseren Kindern geweint habe und gesagt habe ich kann nicht mehr. Ich kann nicht mehr ständig kämpfen, dass du die kleinsten und normalsten Regeln befolgst. Ich war authentisch, und ich denke, dass hilft Kindern mehr bei Veränderungen als Schimpfen, Strafen und Schreien. Das mache ich trotzdem viel zu oft. Liebe Grüße Claudia

    1. Ja, geweint habe ich auch, als ich sie ins Bett brachte und sie war ganz erschrocken. Die Kleine ist auch so eine, die alles ausprobieren will und sich schwertut mit Regeln. Tisch anmalen, Sofa zerstechen, alles unter Wasser setzen, Haare schneiden… Alles schon dagewesen, 😒

  4. Tja, eine Lösung habe ich leider auch noch nicht. Übrigens fantastisches Wort, „ZahnlückenPubertät“, das kannte ich noch nicht … Unsere Große fängt leider oft an sehr laut zu schreien und macht auch völlig dicht in ihrer Wut. Ausziehen direkt wollte sie noch nicht, aber angekündigt hat sie öfter schon, dass sie „morgen in die weite Welt hinaus geht, Ohne uns“! 😉 Ich drücke uns die Daumen, dass es doch bald klappt, dass die Mädchen ihre Strategien finden, um die Wut im Griff zu bekommen. *seufz

  5. Liebe Sylvie,
    sei ersteinmal ganz fest gedrückt und Dir sicher, dass Du nicht alleine mit solchen Situationen bist! Ich bin mir sicher, dass jede Mutter und jeder Vater des öfteren an ihre Grenzen kommen und ähnliche Situationen schon einmal erlebt haben.
    Hey, ich bin Sozialpädagogin und auch mein Zicklein hat schon einmal ihren Koffer gepackt!
    Ich kann dem Kommentar von Sandra kaum noch etwas hinzufügen, denn ich wollte Dir genau das gleiche schreiben.
    Jedes Kind hat nun einmal ein anderes Temperament, auch das Böckchen wird manchmal handgreiflich und es ist schwer ihm da etwas entgegenzusetzen. Ein Patentrezepte gibt es da leider nicht, aber ich bin mir sicher, dass auch das vorbeigehen wird. So, wie es auch bei Dir selbst vorbei ging. Vielleicht erinnerst Du Dich noch an den Punkt, an dem Du diese Wutausbrüche nicht mehr hattest? Und was Dir geholfen hat, mit der Wut anders umzugehen?
    Neue Handlungsmuster zu übernehmen und zu verinnerlichen braucht Zeit und schleichen sich langsam ein. Bestimmt fallen Dir viele Situationen ein, in denen MiniMotte ganz anders reagiert hat, obwohl sie hätte ausrasten können. Oder auch nicht, weil sie dann nicht so extrem aufgefallen sind. So oder so bin ich mir sicher, dass Ihr gemeinsam Euren Weg gehen werdet, solange sie immer weiß, dass Ihr für sie da seid.

    Knutsch Euch.
    Liebe Grüße
    Lotti

    1. Ach ich war noch lange, lange sehr wütend! Die Sache ist ja die: Will das Kind gehen oder geht es tatsächlich! Sie ging! 😢 Mich beschäftigt das immer noch sehr, 😕

    2. Ich habe noch lange gewütet. Bis als Teenie definitiv. Die Frage ist ja die, ob das Kind gehen will oder tatsächlich geht. Also man merkt ja als Mutter, ob das Kind das ernst meint. Mich beschäftigt das immer noch, 😕!

  6. Liebe Sylvi!
    Vielen Dank für diesen ehrlichen Beitrag! Als Eltern ist es immer wieder beruhigend zu hören,dass auch andere manchmal kopfschüttend vor ihren Kindern stehen und nicht wissen,wie ihnen geschieht.
    Sind es aber nicht oft auch die Situationen, in denen sich auch die Kinder nicht wirklich einen Rat wissen?!

    Liebe Grüße
    Veronika von erziehungsgedanken.com

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