Sylvi 9Kommentare

Heute ist der Tag der deutschen Einheit und wir feiern diesen Tag nun schon zum 26. Mal. Während sich viele nur über den zusätzlichen freien Tag freuen, ist es für mich tatsächlich ein Feiertag, denn mein Leben wäre sicherlich gänzlich anders verlaufen… Ich bin in Neubrandenburg geboren, einer Stadt in Mecklenburg-Vorpommern, im Gebiet der ehemaligen DDR. Ich war Einzelkind in einer klassischen Arbeiterfamilie. Meine Mutter Erzieherin, mein Vater LKW-Fahrer. Die Möglichkeit Abitur machen zu können oder gar zu studieren, hätte ich vermutlich nicht gehabt (meine Eltern hätten mich vermutlich nicht gelassen und waren auch nicht sonderlich politisch engagiert – da wäre ich wohl durchs Raster gefallen). 1989 war ich 5 Jahre alt, am 3. Oktober 1990 war ich vor kurzem erst in die Schule gekommen. Für mein Leben stand mir alles offen und dies wussten sicherlich auch meine Eltern. Im April 1992, gerade einmal anderthalb Jahre nach dem besagten 3. Oktober 1990, zogen wir nach Hamburg. Es war der Wunsch nach Veränderung, nach finanzieller Verbesserung, die meinen Vater trieb diesen Schritt anzugehen und der meine Mutter und mich folgen ließ. An meinen ersten Tag in der neuen Hamburger Schule erinnere ich mich noch gut. Ich war total nervös und mit der neuen Situation überfordert. Der Umzug, die neue Wohnung, die neue Schule, die neuen Kinder mit denen mich nichts verband – für mich als Kind keine leichte Zeit, aber in der Rückschau absolut richtig. Relativ schnell fand ich mich zurecht, auch wenn vieles anders war. Meine Eltern nutzten die Möglichkeiten, die ihnen durch die Wiedervereinigung plötzlich geboten wurden. Sie bildeten sich fort und erfüllten sich einige Jahre später auch ihren Traum von den eigenen vier Wänden.

Der 3. Oktober ist für mich daher zurecht ein Feiertag, denn ich bin dankbar dafür, wie sich mein Leben dadurch entwickeln konnte. Meinen Eltern war ein Abitur und gar ein Studium nie wichtig. Ich sollte einen guten Schulabschluss machen und anschließend eine Ausbildung. Mehr stand gar nicht zur Debatte. Meine damalige Lehrerin in der 10. Klasse musste sogar meine Eltern in einem Hausbesuch davon überzeugen, dass ich doch Abitur machen sollte. Viele Jahre also nach dem wir schon längst im neuen Umfeld angekommen waren, waren meinen Eltern die Chancen und Möglichkeiten, die ein Abitur mir bieten könnte, nicht bewusst.

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Ich bin eines dieser Kinder, die nicht nur in der DDR sozialisiert worden sind, sondern auch im „Westen“, ;-)! Das darf man nicht unterschätzen, denn gerade durch diesen Umzug nach Hamburg veränderte sich mein Leben massiv. Nicht nur das Elternhaus prägt einen jungen Menschen, sondern auch das soziale Umfeld – die Peer-Group… In der Rückschau betrachtet stehen meine Eltern, besonders meine Mutter, für viele Dinge, die ich aus der DDR mitgenommen habe. Mein neues Umfeld in der Hamburger Schule, die neuen Freunde, für viele andere Dinge, die mich prägten.

Ich mache dies immer so schön fest an den Büchern, die ich las und die meine Kindheit prägten. Dazu gehörte sowohl DDR-Literatur, aber natürlich auch Kinderbücher, die in der Bundesrepublik erschienen sind. Ich kenne und liebe: „Bei der der Feuerwehr wird der Kaffee kalt“ oder „Der kleine Angsthase“ genauso wie die Geschichten der „drei ???“ oder „Das Sams“. Sowohl das eine als auch das andere habe ich bereits in meiner eigenen Kindheit gelesen. Ich kann Soljanka genauso kochen wie Labskaus…

Ich bin mir bewusst, welche Möglichkeiten mir durch die Wiedervereinigung geboten worden sind. Ich weiß natürlich auch, dass es nicht für jeden das Glück auf Erden bedeutete. Viele, gerade ältere Menschen, mussten sich ihren Platz im neuen System erst erkämpfen und der Systemwechsel viel ihnen schwer. Mein Privileg war vermutlich, dass ich zu einer Generation gehöre, deren Leben noch komplett vor ihnen lag. Es bedeutete Anstrengungen, es kostete Kraft und Geld das wiedervereinigte Deutschland dahin zu bringen, wo es heute steht. Aus anfänglicher Euphorie wurde mancherorts Pessimismus und dennoch schafften WIR das!

„Wir schaffen das!“ das hören wir auch heute wieder. Von einer Frau, die ebenfalls aus der ehemaligen DDR stammt, und heute unsere Bundeskanzlerin ist. Auch heute stehen wir wieder vor der Herausforderung Menschen in unsere Gesellschaft zu integrieren und ich gebe Angela Merkel dabei völlig recht:

WIR SCHAFFEN DAS!!!

Momentan fühle ich mich manchmal fremd im eigenen Land, wenn ich Nachrichten schaue und wieder irgendwo ein Flüchtlingsheim brannte oder PEGIDA o.ä. wieder Menschenmassen mit ihren Parolen anzog. Wenn Journalisten, wie etwa Dunja Hayali, verbal angegriffen werden und ich mich frage, wann wurde dieses rechtsextreme Gedankengut wieder so populär?

Mit diesem 3. Oktober 2016, 26 Jahre nach der deutschen Einheit, verbinde ich auch den Wunsch, dass dieser Albtraum bald endet und wir wieder gemeinsam an einem Strang ziehen. Ich wünsche mir, dass wir die Flüchtlinge willkommen heißen. Wir uns alle bemühen sie in unsere Gesellschaft zu integrieren, um ihnen eine neue Heimat zu geben. Hass und rassistische Parolen bringen uns nicht weiter… Sie verbreiten nur Angst und Angst hilft uns in dieser Situation nicht weiter….

Ich finde es erschreckend, wie die AfD bei den letzten Landtagswahlen abgeschnitten hat. Wie viel Zuspruch sie bekam. Ich habe zwar immer noch die Hoffnung, dass es vor allem Protestwähler waren, die für diese Wahlergebnisse verantwortlich waren, aber ich hoffe, dass wir bei der Bundestagswahl im nächsten Jahr nicht ein ähnliches Szenario erleben müssen.

Ich hoffe auf einen Ruck, der durch unsere Gesellschaft geht…

 

Eure

Sylvi

 

9 thoughts on “Gedanken zum Tag der deutschen Einheit

  1. Liebe Sylvi,

    vielen Dank für deinen wunderbaren Artikel.

    Ich war 10 Jahre alt, als die Mauer fiel. Ich bin froh, beides erlebt zu haben, die Kindheit in der DDR und die Jugend in einem zusammenwachsendem Deutschland. Die Wendezeit war auch für uns Kinder eine Zeit der Neuorientierung und eine riesige Chance. Ich bin so dankbar dafür, dass es kein geteiltes Land mehr gibt. Daher macht es mich ziemlich wütend, wenn ich die Intoleranz und den Hass auf den Straßen marschieren sehe.

    Wir müssen über unseren eigenen Tellerrand schauen – immer wieder. Für mehr Menschenliebe und Zusammenhalt…

    Liebe Grüße
    Katja

    1. Liebe Katja,

      da gebe ich dir völlig recht! Gerade hier in Leipzig sollte man sich an das erinnern, was man vor 27 Jahren geleistet hat – friedlich!!! Ich hoffe auch so sehr darauf, dass unsere Gesellschaft sich wieder auf wirklich wichtige Werte besinnt!! Wie du schon sagst: Zusammenhalt und Menschenliebe!!!

      Gruß
      Sylvi

  2. Hallo Sylvi,

    ich habe deinen Beitrag mit Freude gelesen und auch mit etwas Gänsehaut. Ich bin hier im Westen geboren und kann nur erahnen, was sich im Osten abgespielt hat. Ich freue mich für uns alle, dass es keine Mauer mehr gibt und hoffe ebenso wie du, dass auch keine Mauern (wenn auch in vielen Köpfen vorhanden) mehr entstehen.

    LG Christine

    1. Liebe Christine,
      danke für deine Worte! Mich macht es traurig, wenn ich dann Nachrichten sehe und die Feiern zum Tag der deutschen Einheit überschattet werden von Aufmärschen von PEGIDA und Co. Ich kann nur hoffen, dass sich diese Menschen irgendwann wieder besinnen..

      Liebe Grüße
      Sylvi

  3. Liebe Sylvi, einen schönen Beitrag hast du zum Tag der deutschen Einheit geschrieben. Schön, wie du mich und alle deine weiteren Leser mit hinein nimmst in deine Gedanken und dein positives Erleben bzw. Veränderung der Wiedervereinigung. Unglaublich, ja, wie sehr sich Deutschland durch die Wiedervereinigung verändert hat. Wie schön, dass du so viel Gutes damit verbindest, ich höre so oft auch Gejammer, es wäre doch viel schöner gewesen in der DDR usw., das ärgert mich oft gewaltig…
    Lass den Feiertag gut ausklingen und komm mit deinen Lieben gut in die verkürzte Woche morgen… Herzensgrüße ♥ Anni

    1. Liebe Anni,

      vielen lieben Dank für deine Worte! Es war sicherlich nicht alles schlecht ( wobei ich das kaum beureilen kann, denn ich war einfach so jung), aber du weißt ja wie das ist in der Rückschau sieht man vieles verklärter und durch die „rosarote“ Brille. Ich kenne auch Menschen, die so argumentieren, aber wenn man hinter die Fassade blickt, dann sind es meist Menschen, die es schwer hatten sich im neuen System zurechtzufinden oder ganz anderes erwartet haben. Zuckerschlecken ist Kapitalismus und Marktwirtschaft nun nicht und man weiß nicht, was diese Menschen erwartet haben. Ich versuche dann immer mit diesen Menschen ins Gespräch zu kommen…
      Ganz liebe Grüße
      Sylvi

  4. Liebe Sylvi,
    ein wirklich toller Artikel. ich feiere auch, denn sonst hätte ich den Märchenprinzen nie kennengelernt und meine Familie würde nicht existieren. Und auch ich bin in beiden Teilen Deutschlands aufgewachsen und hatte mit vielen Vorurteilen zu kämpfen – ebenfalls auf beiden Seiten. Es hat gedauert, aber wir sind an der Situation gewachsen und genauso hoffe ich, dass wir auch an dir jetzigen Situation wachsen. Denn das Fremde ist nur fremd, wenn der Fremde es nicht kennt 🙂

    Liebe Grüße
    Lotti

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